Vom recherchierenden Lokaljournalismus zur wundersamen Welt der Pressemitteilungen: Wie eine Redaktion Hunderte Quadratmeter verschwinden lässt, andere hinzufindet und aus einer Verfahrenseinstellung eine Verurteilung macht.
Es gibt Dinge, für die braucht man ein abgeschlossenes Studium. Für andere Dinge genügt die vierte Klasse. 50 x 25 Meter = 1.250 m². Zufällig genau so groß wie ein olympisches Schwimmbecken. Normalgröße. Außer bei der Tierschutzorganisation AAP und BLICK.de. Da passen in 3000 m² gleich vier Olympische Schwimmbecken. Mathematisch gesehen ganz nah dran. Also fast. Wenn man zwei Augen zudrückt und den Taschenrechner versteckt.
Aber der BLICK kann mehr. Tigergehege auf einen Bruchteil ihrer Fläche schrumpfen und über Gerichtsurteile berichten die es nicht gibt. Faszinierend, hier bestimmt nicht die Wirklichkeit die Geschichte sondern die Geschichte bekommt ihre eigene Wirklichkeit. Journalismus der nächsten Generation.
Es begann mit Journalismus
Kaum eine Geschichte dürfte die Redaktion von BLICK.de über die vergangenen anderthalb Jahre so ausdauernd beschäftigt haben wie die Tigerhaltung der ehemaligen Dompteurin Carmen Zander in Dölzig bei Leipzig. Mindestens neun Artikel lassen sich seit März 2025 dokumentieren. Über Behördenstreitigkeiten, Haltungsbedingungen, Gerichtsverfahren, den Tigerausbruch und schließlich den Abtransport von sechs Tigern nach Spanien.
Und man muss es der Redaktion lassen: Der Anfang sieht gut aus. Redakteurin Anika Weber besuchte Carmen Zander persönlich, spricht mit ihr, recherchiert, lässt sich und die Anlage fotografieren. Unterschiedliche Positionen, die komplizierte Vorgeschichte wurde erklärt. Man recherchierte, bevor man schrieb. Guck an. Sie kennt die räumlichen Verhältnisse, die Kritik der Behörden und die Argumente der Halterin. Doch dann wird aus einer Geschichte mit verschiedenen Perspektiven zunehmend eine Geschichte mit einer ziemlich klaren Rollenverteilung. Einerseits Carmen Zander und ihre angeblich unzureichende Haltung. Andererseits Behörden und die Tierschutzorganisation AAP.
Vom Ortstermin zum redaktionellen Erweckungserlebnis
Nach dem Tigerausbruch im Mai 2026 entdeckte die Redaktion offenbar eine neue journalistische Disziplin: Aktivismus mit Redaktionsausweis. In einem Kommentar legte Anika Weber ihre grundsätzliche Haltung zur Wildtierhaltung offen. „Artgerecht ist nur die Freiheit“, lautet ihre Überzeugung. Kann man so sehen, Auch als Journalistin. Ein Kommentar ist kein Nachrichtenbericht. Er darf Meinung enthalten. Fragwürdig wird es, wenn in den späteren Nachrichtenberichten ausgerechnet jene Informationen verschwinden, die nicht mehr so recht zur inzwischen bevorzugten Erzählung passen.
Nach der Fortnahme übernimmt zunehmend das Landratsamt die Rolle des Erklärers. BLICK.de lässt es unter der Zwischenüberschrift „Landratsamt redet Klartext“ auftreten. Das ist praktisch. Eine Behörde erklärt ihre eigene Maßnahme, und die Redaktion liefert die passende Überschrift, die klarstellt, wer hier die Wahrheit gepachtet hat.
Später tritt AAP auf den Plan. Die Organisation hat die Tiger narkotisiert, verpackt, nach Spanien verschickt und versorgt nun die Öffentlichkeit mit erfreulichen Informationen über Rettung, Eingewöhnung, zukünftige Unterbringung und Spendenbutton. BLICK.de berichtete darüber, und verwendete praktischerweise Informationen und Bildmaterial von AAP. Das sichert die Meinungshoheit. Von AAP .
Was journalistische Sorgfalt betrifft ist es allerdings eher so Mittel. Eine Pressemitteilung zu verwenden ist nicht verboten. Aber es könnte gelegentlich helfen Angaben nachzuprüfen. Zum Beispiel mit einem Taschenrechner.
Vier olympische Schwimmbecken. Mathematik ist offenbar optional.
So macht die AAP Meldung „Neues Gehege so groß wie vier olympische Schwimmbecken“ am 1. September 2026 im BLICK sogar Karriere zur Zwischenüberschrift, und es wird verkündet, dass die Tiger künftig auf 3.000 bis 3.500 Quadratmetern leben würden. Das entspreche ungefähr vier olympischen Schwimmbecken. Ein olympisches Becken misst üblicherweise 50 mal 25 Meter. Macht 1.250 Quadratmeter. Vier davon ergeben 5.000 Quadratmeter. Nicht 3.000. Auch nicht 3.500. Das ist ungünstig. Aber wer will sich schon wegen 1500 bis 2.000 Quadratmetern die Stimmung einer gelungenen Tigerrettung verderben lassen. Vielleicht waren es auch olympische Nichtschwimmerbecken, oder olympische Schwimmbecken im Spar-Abo. Bis zu 40 Prozent reduziert.
BLICK.de fand diese Rechenkunst scheinbar so hübsch, dass der falsche Vergleich am 1. Juli und dann im September noch einmal präsentiert wurde. Andere Medien berichten ebenfalls über die Größe der spanischen Anlage. Ohne olympischen Rechentrick.
Die verschwundenen Quadratmeter von Dölzig
Beim BLICK wachsen Tigergehege nicht nur, sie können auch schrumpfen. In Dölzig. Unmittelbar nach der Beschreibung des großzügigen spanischen Außengeheges heißt es bei BLICK.de:„Zuvor lebten die Tiger in Dölzig in Zirkuswagen mit weniger als 50 Quadratmetern Fläche.“ Hier ein winziger Zirkuswagen, quasi eine Pfütze, dort ein paradiesisches Gelände groß wie olympische Schwimmbecken. Es fehlt nur ein Detail. Die Außengehege. Die Tiger lebten in Dölzig nicht ausschließlich in Zirkuswagen. Und BLICK.de weis das. Im eigenen Artikel vom März 2025 hatte die Redaktion rund 240 Quadratmeter Außenfläche und 34 Quadratmeter Innenfläche beschrieben. Die damaligen Angaben waren nicht unabhängig vermessen, aber sie standen schwarz auf weiß im eigenen Bericht. Die Autorin war persönlich dort. Dem MDR erklärte Zander später sogar, die Außenanlage inzwischen auf rund 650 Quadratmeter erweitert zu haben. 2025 waren die Flächen noch da. 2026 sind sie verschwunden. Nicht die Gehege. Nur ihre Erwähnung. Im BLICK. Vielleicht sind sie ins Schwimmbecken gefallen.
.Hier die großzügige Zukunft, dort die kleingerechnete Vergangenheit. Redaktioneller Schönheitswettbewerb mit unterschiedlichen Maßbändern. In Spanien zählt man großzügig dazu. In Dölzig lässt man großzügig weg. Das ist konsequent.
Ein Gerichtsurteil aus der Redaktion
BLICK.de beschränkt sich allerdings nicht auf kreative Zahlenzauberei, sondern nutzt weitere Möglichkeiten moderner Lokalberichterstattung. Am 3. November 2025 berichtete das Medium über ein Verfahren gegen Carmen Zander vor dem Amtsgericht Eilenburg. BLICK erklärte, das Gericht habe sie zu einer Geldstrafe verurteilt. Auch ein Urteil wurde gemeldet.
Interessant. Das Verfahren wurde gegen Zahlung einer Geldauflage von 1.000 Euro eingestellt. Keine Verurteilung. Kein Strafurteil. Keine Geldstrafe. Das steht sogar im selben Artikel.
Oben schuldig gesprochen, unten eingestellt. Willkommen bei Schrödingers Strafprozess: Carmen Zander ist gleichzeitig verurteilt und nicht verurteilt. Es hängt offenbar nur davon ab, wie weit man im Artikel nach unten scrollt. Oben steht der Schuldspruch, unten die Einstellung. Die Wahrheit hat bei BLICK.de offenbar einen schlechteren Platz im Layout erwischt
Journalismus mit eingebauter Wirklichkeitsanpassung
BLICK.de hatte anfangs gut recherchiert. Man war vor Ort. Man kannte die Anlage. Man verfügte über Informationen, die bei späteren Veröffentlichungen von erheblicher Bedeutung gewesen wären.Es fehlte also nicht unbedingt an Erkenntnissen. Und man war sicher stets bemüht.
Die Bilanz: Aus 3.000 Quadratmetern werden vier olympische Schwimmbecken, Aus einer Haltung mit dokumentierten Außenanlagen werden weniger als 50 Quadratmeter Zirkuswagen.
Aus einer Verfahrenseinstellung wird eine strafrechtliche Verurteilung. Drei unterschiedliche Vorgänge. Drei ausgesprochen kreative Ergebnisse. Das beweist keine Kampagne gegen Carmen Zander. Es braucht keine Verschwörung, um schlechte journalistische Arbeit zu produzieren. Der Pressekodex nennt die dagegen vorgesehene Schutzmaßnahme „journalistische Sorgfalt“.
Ein etwas altmodisches Konzept.Es verlangt unter anderem, Informationen vor ihrer Veröffentlichung zu überprüfen und falsche Tatsachenbehauptungen richtigzustellen. Kann man machen. Muss man nicht. Es stellt sich dann allerdings die Frage, wenn bereits ein simpler Größenvergleich beim BLICK nicht stimmt, was stimmt in vielen anderen Artikeln des BLICK noch alles nicht.
Früher hieß es: Erst recherchieren, dann schreiben.
Bei BLICK.de scheint man inzwischen einen Schritt weiter zu sein:
Erst die Geschichte. Dann die passende Wirklichkeit.

