Für die einen ist es Journalismus, für die anderen die größte Kommunikationsabteilung der Welt.
2018 ist Carmen Zander noch die ‚Tigerqueen auf dem Gipfel des Olymp‘, ausgezeichnet in Monte-Carlo, begleitet von stehenden Ovationen.
2026 liefert AAP aus Spanien die Bilder zur eigenen Erfolgsgeschichte und nennt sechs Tiger aus derselben Haltung „Rettungsfälle“. Dazwischen liegen behördliche Flächenorakel, Polizeieinsatz, Beschlagnahmung, Narkosegewehr, ein 2.000-Kilometer-Transport und eine Medienlandschaft, die irgendwann aufgehört hat, selbst nachzusehen, was aus der Geschichte geworden ist und wie es den Tigern wirklich nach ihrer „Rettung“ geht.
Von Monaco bis zum Ausbruch: eine Tigerkarriere
Jahrelang ist Carmen Zander PR-technisch ein Selbstläufer. „Tigerqueen auf dem Gipfel des Olymp“, Auszeichnungen mit Prinzessin Stéphanie im Publikum, „meine Mäuse“ – die Presse hätte sich das nicht liebevoller ausdenken können, selbst wenn sie es sich ausgedacht hätte. Im März 2025 fährt BLICK sogar persönlich vorbei. Stunden vor Ort, Gutachten eingesehen, PETA gefragt, Behörden gefragt. Journalismus, fast wie man ihn aus Geschichtsbüchern kennt.
Dann bricht Sandokan im Mai 2026 aus, und aus der Symbiose wurde ein Sorgerechtsstreit. BLICK-Autorin Weber verkündet in einem als Meinung deklarierten Text die neue Linie – „Artgerecht ist nur die Freiheit“. Was zoologisch nichts, rhetorisch aber alles aussagt. TAG24 zieht nach mit dem Wording, was die eigentliche Arbeit übernimmt: Tierschützer wollten die Tiere aus „falscher Haltung retten“. Wer rettet, muss nicht mehr begründen, wovor. Die Tiger selber wurden sicherheitshalber nicht gefragt, ob sie gerettet werden wollen.
Bis zur Fortnahme: Wording wird zur Waffe, Quellen werden zu Presseabteilungen
Am 1. Juli werden die Tiger verpackt und abtransportiert. Das Landratsamt spricht von einer Maßnahme“, zum Wohle der Tiere“. Eine Formulierung, die beim BLICK Karriere zur Zwischenüberschrift macht. Konjunktiv inklusive Verschwindetrick. AAP verkündet parallel die „größte Tigerrettung“, die man je in Deutschland durchgeführt habe, samt „weeks of secret preparation“ – klingt nach Geheimdienstoperation, ist aber eine Katzenumsiedlung mit Presseabteilung und Spendenbutton.
Bereits hier beginnt das Symptom: TAG24 fragt, ob Spanien überhaupt der richtige Ort für die Tiere sei. Beantwortet wird die Frage – von AAP. Man befragt also den Möbelpacker, ob dem Mieter die neue Wohnung gefällt, und vermerkt das Ergebnis als Recherche. Sogar die Bundestierschutzbeauftragte lässt sich in einer AAP-Pressemitteilung mit warmen Worten über „private Wildtierhaltung“ als Kooperationspartnerin feiern und lobt die „Rettung“. Amtliches Gütesigel und Werbetestimonial in Personalunion, das spart Zeit.
Was zu diesem Zeitpunkt niemanden außer zoos.media, einem Onlineportal überhaupt zu interessieren scheint: Eine tierärztlich attestierte ‚akute Transportunfähigkeit‘ lag vor der Verladung vor. Dieser Einschätzung wurde offensichtlich nicht gefolgt. AAP selbst hatte Wochen zuvor eine eigene Outplacement-Liste im Umlauf, auf der man Löwen und Tiger aus dem eigenen Bestand loswerden wollte. Was der Behauptung, ausgerechnet diese sechs Tiger bräuchten dringend ein „neues, dauerhaftes Zuhause“ bei genau dieser Organisation, eine gewisse Komik verleiht..Auch das interessiert die „Qualitätsmedien“ offenbar nicht weiter. Qualität ist eben Ansichtssache..
Nach der Wegnahme: Journalismus geht nach Hause, AAP bleibt vor Ort
Mit Abreise der Tiger am 1. Juli nach Spanien, endet plötzlich die Reisefreudigkeit der Presse. Kein Redakteur, kein Fotograf, kein unabhängiger Tierarzt und vermutlich auch kein deutscher Behördenvertreter hat sich seither erkennbar nach Spanien begeben um selbst nachzusehen, ob die Tiger mit ihrer Rettung zufrieden sind. Die Tiger reisten 2.000 Kilometer. Die Recherche offenbar nicht.
Stattdessen liefert AAP. Das ist praktisch. Alles aus einer Hand. AAP liefert Fotos, AAP liefert Videos, AAP liefert die Diagnose, AAP liefert die Erfolgsmeldung. Die Presse verarbeitet das Material und verkündet anschließend die frohe Botschaft. Die Tiere hätten den Abschied von Carmen Zander „bestens verwunden“ und es ginge ihnen gut. Eine psychologische Ferndiagnose, für die man bei Menschen mindestens ein Gespräch bräucht, bei Tigern reicht offenbar ein Pressefoto.
Parallel dazu meldet zoos.media, das Landratsamt Nordsachsen beantworte einen kritischen Fragenkatalog zum Transport schlicht nicht, nicht mal nach angebotener Fristverlängerung. Wildtierärztin Dr. Dörnath attestiert anhand der von AAP selbst veröffentlichten Bilder einen alarmierenden Zustand von Tigerin Saphira. „Verwahrlost statt behütet“, „beinahe kachektisch“. Ob diese Diagnose zutrifft, lässt sich von hier aus nicht beurteilen. Die Qualtitätsmedien ignorieren das scheinbar sicherheitshalber, jedenfalls stört diese Gegenposition in der weiteren Erfolgserzählung nicht weiter. Vermutlich will man die Leser nicht beunruhigen.
Das mediale Problem ist nicht AAP
AAP macht Öffentlichkeitsarbeit. Die Organisation sammelt Spenden, betreibt Auffangstationen, wirbt für ihre Arbeit und möchte zeigen, dass die Aufnahme der Tiger richtig war. Völlig legitim. Von einer Tierschutzorganisation zu verlangen, sie möge ihre eigene Aktion distanziert, kritisch und mit ausführlicher Würdigung aller Gegenpositionen darstellen, ist so realistisch, wie von einem Politiker zu erwarten, dass er sich nach der Wahl an sein Wahlversprechen erinnert.
Dafür gab es einmal Journalismus. Früher. Pressekodex, Ziffer 2 und 7? Ach ja. Damals hatte das sogar Regeln.
Vorher Kontrolle, danach Content
Das eigentlich Bemerkenswerte an den Dölziger Tigern ist deshalb nicht nur der Wandel der Tiere. Es ist der Wandel der Berichterstattung.
Vor dem 1. Juli: Die Tiger in Dölzig: Reporter fahren hin, sie sehen selbst nach, sie sprechen mit Beteiligten, sie fragen Behörden, sie vergleichen widersprüchliche Aussagen.
Nach dem 1. Juli: AAP schickt Bilder – AAP beschreibt die Tiere – AAP bewertet deren Zustand.- AAP erklärt das Verhalten – AAP berichtet über Fortschritte – AAP beantwortet Nachfragen. Oder auch nicht.
Und die Medien schreiben über::„Rettung“, „Neues Zuhause“, „Neustart“, „Großer Fortschritt“, „Endlich“,„Erfolgreich“. Kann alles stimmen. Oder auch nicht. Eine bislang unbekannte Sonderform der journalistischen Quantenmechanik. Schrödingers Tiger geht’s gut. Solange niemand nachsieht. Sensationell.
Die größte Kommunikationsabteilung der Welt
AAP hat an sich keine außergewöhnliche Medienmacht. Die Organisation hat nur verstanden, was moderne Öffentlichkeitsarbeit leisten kann, wenn niemand nachsieht. AAP kontrolliert den Zugang, AAP produziert die aktuellen Bilder, AAP produziert die aktuellen Videos, AAP liefert die Informationen, AAP liefert die Interpretation des Tierverhaltens.
Und sie besitzt einen hervorragend funktionierenden Verteiler. Die Medienhäuser übernehmen anschließend nicht stumpf jedes Wort. Sie stellen Fragen, schreiben eigene Texte, setzen eigene Überschriften. Nur die Wirklichkeit, über die sie schreiben, bekommen sie aus einer Quelle. Und wenn Quelle, Fotograf, Tierbeobachter, Betreiber, Pressesprecher und Erfolgskontrolleur dieselbe Organisation sind, spart das ordentlich Ressourcen. Vor allem in den Redaktionen.
Für die einen ist das Journalismus. Für die anderen die größte ausgelagerte Kommunikationsabteilung der Welt.


Hier kann man Frau Zander unterstützen
https://www.gofundme.com/de_DE/f/spendenaufruf-fur-in-not-geratene-tiger