Ein Geschäftsmodell, bei dem politische Haltung wichtiger ist als Umsatz – solange der Umsatz trotzdem kommt.
Es gibt Unternehmer, die versuchen, Kunden zu gewinnen. Und es gibt Elisabeth Kutter von der Panda-Apotheke in Bielefeld. Kutter möchte mit AfD-Wählern und AfD-Sympathisanten kein Geld verdienen. Deshalb forderte sie diese öffentlich auf, ihre Apotheke, ihr Team und am besten gleich ihr Umfeld zu meiden.
Eine bemerkenswerte Geschäftsidee. Andere Unternehmen investieren in Werbung, Kundenbindung und Stammkundschaft. In Bielefeld übernimmt die politische Gesinnung die Sortierung. Das spart Marketingkosten. Oder zumindest Kosten, um öffentliche Aufmerksamkeit zu gewinnen.
Als das Video ihrer Ansage bundesweit Aufmerksamkeit bekam und negative Google-Bewertungen folgten, erschien ein weiteres Video. Jetzt wurde präzisiert. Selbstverständlich würden AfD-Wähler weiterhin bedient. Sieh an. Selbstverständlich bekämen sie ihre Medikamente. Selbstverständlich bekämen sie sogar denselben hervorragenden Service wie alle anderen Kunden.
Nur willkommen seien sie weiterhin nicht. Das muss man erst einmal hinbekommen. Bitte bleiben Sie weg. Falls Sie trotzdem kommen: Herzlich willkommen zu unserem hervorragenden Service. Solange Sie dafür bezahlen können.
Bielefeld ist damit um eine pharmazeutische Innovation reicher. Die politisch korrekte Nichtwillkommensversorgung. Der Kunde darf hereinkommen, er darf sein Rezept abgeben, er bekommt seine Medikamente, er bekommt offenbar sogar freundliche Beratung. Er soll dabei nur nicht auf die Idee kommen, sich als Kunde erwünscht zu fühlen.Wenn er AFD wählr. Ansonsten schon.
Aus gutem Grund. Dummerweise kennt § 17 Abs. 4 der Apothekenbetriebsordnung bei der Ausführung ordnungsgemäßer Verschreibungen keinen politischen Gesinnungsvorbehalt. Das Rezept hat kein Kästchen: SPD. CDU. Grüne. AfD. Sonstige Risiken und Nebenwirkungen.
Auch die Berufsordnung ist traditionell eher auf Versorgung und Würde von Patienten und Kunden ausgerichtet als auf politische Eingangskontrollen. Eine öffentliche Apotheke ist keine private Gesinnungsgemeinschaft mit angeschlossener Medikamentenausgabe.
Bedauerlich.
Werte vor Umsatz. Aber doch nicht so.
Passend zu dieser Veranstaltung gibt es inzwischen auch eine Initiative: „Wirtschaft widerspricht“. Motto „Werte vor Umsatz.“ Unternehmen können dort öffentlich dokumentieren, dass sie die AfD ablehnen. Geschäftsbeziehungen zu AfD-nahen Strukturen sollen beendet werden. Und damit wirklich niemand die praktische Anwendung missversteht, liefert die Initiative Beispiele. Für die Gastronomie etwa: „Wenn Sie AfD wählen, trinken Sie Ihr Bier bitte woanders.“ Demokratie und Haltung am Zapfhahn.
Gleichzeitig verlangt dieselbe Initiative von teilnehmenden Unternehmen ausdrücklich einen respektvollen und diskriminierungsfreien Umgang mit Kunden. Das ist schön. Man muss nur beide Sätze weit genug voneinander entfernt lesen. Diskriminierung ist selbstverständlich abzulehnen. Außer man diskriminiert die Richtigen. Dann heißt es Haltung oder werteorientierte Kundenselektion.
Das hat einen erheblichen sprachlichen Vorteil. „Wir möchten bestimmte Menschen wegen ihrer politischen Überzeugung nicht als Kunden“ klingt irgendwie unschön. „Werte vor Umsatz“ passt besser auf einen Aufkleber. Unangenehm wird die Sache nur, wenn die Angesprochenen die Aufforderung ernst nehmen. Der politisch unerwünschte Kunde besitzt eine überraschende Fähigkeit:Er kann tatsächlich woanders einkaufen. Beim Bier, beim Handwerker, beim Finanzberater. Und sogar bei der Apotheke.
Plötzlich wird aus „Werte vor Umsatz“:Wo bleibt der Umsatz? Kapitalismus kann grausam sein.
Noriega für Selbstständige
Manche politischen Gesten besitzen eine faszinierende Logik. So lässt Panamas Machthaber Manuel Noriega im Dezember 1989 etwas unüberlegt den Kriegszustand mit den Vereinigten Staaten erklären, und war anschließend ganz überrascht, dass die amerikanische Armee bei ihm einen Hausbesuch machte. Das ist natürlich eine völlig andere Größenordnung. Aber die Dramaturgie besitzt einen gewissen zeitlosen Charme:
Man provoziert demonstrativ einen Gegner und ist anschließend überrascht, dass der Gegner die Botschaft ernst nimmt. Unternehmerisch nennt man das heute vielleicht aktive Kundenabwanderung.
Eine Nummer kleiner spielte sich das 2021 im Berliner Café „Los Angelitos“ ab. Dort verkündete ein Schild, dass „Schwurbler“, „Möchtegern-Experten“ und „rechtes Pack“ keinen Kaffee bekommen. Klare Haltung. Klare Zielgruppe. 2023 war das Café geschlossen.
Nach Angaben der Betreiberin spielten steigende Kosten und bauliche Probleme eine Rolle. Ahhh.. Das Café schloss laut Betreiberin wegen hoher Kosten und baulicher Probleme. Die politische Kundenselektion war also offiziell unschuldig. Da hat die Haltung aber Glück gehabt.
Die Vorstellung, demonstrative Ausgrenzung sei nicht nur politische Haltung, sondern zugleich ein besonders cleveres Geschäftsmodell kann funktionieren. Oder auch nicht.
40 Prozent weniger? Erst einmal nicht.
Auch bei der Panda-Apotheke kursiert inzwischen die Behauptung, die Besucherzahl sei um 40 Prozent eingebrochen. Dramatisch..Oder auch nicht. Das Motto lautet schließlich:„Werte vor Umsatz.“ Wer Haltung zum Geschäftsmodell erklärt, sollte nicht überrascht sein, wenn Kunden das Angebot annehmen und wegbleiben.
Das wäre ja sonst Haltung ohne Nebenwirkungen. Oder „Werte vor Umsatz, sofern der Monatsabschluss dadurch nicht beeinträchtigt wird. Geschäftlich selbstzerstörerisch wird Haltung für Unternehmen die sowieso mühsam über dem Break-Even-Point herumkraxeln. Hier reichen schon sehr wenige Kunden, die Haltungswünsche respektieren um das Unternehmen zu beerdigen. Es ist vielleicht nicht insolvent. Es hört nur auf zu verkaufen.Wie es ein grüner Wirtschaftsexperte in einen anderen Zusammenhang einmal ausdrückte. Das klingt auch hübscher.
Wenn der Staatsschutz zwei mal klingelt
Inzwischen ist die Sache allerdings weniger lustig. Nach Kutters Angaben gibt es Drohungen und Hassbeiträge. Zudem kursieren manipulierte beziehungsweise gefälschte Videos, die den Eindruck erwecken sollen, sie verweigere AfD-Wählern tatsächlich die Versorgung.
Der Staatsschutz ist eingeschaltet und prüft Beiträge im Netz. Das ist richtig. Drohungen sind keine Kundenbewertung. Bedrohungen sind keine politische Kritik. Und gefälschte Videos werden nicht dadurch wahr, dass man das Originalvideo selbst für bemerkenswert hält. Auch wer öffentlich provoziert, darf nicht bedroht werden. So kompliziert sollte Zivilisation eigentlich nicht sein.
Außer es sind Tierhalter im Fokus von Tierschutzorganisationen, Politik und Behörden. Dann zündeln CDU-Bürgermeister und selbst die Bundestierschutzbeauftragte fröhlich mit.Die Tigerdompteurin Carmen Zander berichtet seit März 2025 öffentlich von Morddrohungen im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung um ihre Tierhaltung. Auch gegen die Betreiberfamilie von Melody’s Circusland wurde nach Berichten des Fachportals zoos.media eine Morddrohung ausgesprochen.
Ob sich dort ebenfalls der Staatsschutz eingeschaltet hat, ist bislang öffentlich nicht dokumentiert.Das muss nichts bedeuten. Vielleicht wurde er eingeschaltet. Vielleicht auch nicht. Möglicherweise hängen die Maßstäbe davon ab, ob das Opfer gerade auf der richtigen Seite der gesellschaftlichen Sympathieverteilung steht?
Haltung für alle. Umsatz auch.
Doch zurück zur Panda-Apotheke. Dort lautet die Botschaft inzwischen: AfD-Wähler sollen bitte fernbleiben. Falls sie nicht fernbleiben, werden sie selbstverständlich bedient. Sie bekommen ihre Medikamente. Sie bekommen hervorragenden Kundenservice. Und ihr Geld wird ebenfalls nicht vor die Tür gesetzt. Im Gegenteil: Wenn sie ihr Geld einreichen und selbst wegbleiben, wäre das vermutlich die optimale Haltungsempfehlung. Zur Vermeidung von Haltungsschäden.
Ihre Ansichten lehnen wir entschieden ab. Ihr Geld selbstverständlich nicht. Haltung ist schließlich kostenlos. Umsatz leider nicht

