Arbeiten nach Kanzlerdefinition
Es gibt Kanzler, die ziehen sich in Krisenzeiten Gummistiefel an. Sie stellen sich in den Matsch, reden mit Feuerwehrleuten und versuchen wenigstens so auszusehen, als hätten sie verstanden, was gerade passiert.
Und dann gibt es Friedrich Merz.
Nach drei Wochen Sommerpause kehrt der Bundeskanzler zurück zu den Arbeitenden. Nicht zu Fuß, versteht sich. Der Mann hat schließlich einen Ruf zu verlieren. Also schwebt er per Hubschrauber über dem verkohlten Hürtgenwald ein, wo Bürger, Landwirte und Einsatzkräfte mit viel Engagement gerade das erledigt haben, was in Berlin vermutlich erst einmal in drei Arbeitsgruppen, zwei Förderprogrammen und einer interministeriellen Abstimmung gelandet wäre.
Die Begrüßung fällt entsprechend aus. Pfiffe. Buhrufe. Hupende Landwirte.
Nun könnte ein Kanzler in dieser Situation auf die geradezu revolutionäre Idee kommen, einfach zuzuhören. Man könnte den Menschen danken, die mit ihren Maschinen und ihrer Freizeit geholfen haben. Man könnte sich fragen, warum die eigene Politik bei diesen Leuten inzwischen ungefähr so beliebt ist wie ein Steuerbescheid am Heiligabend.
Aber das wäre vermutlich zu viel Bürgernähe auf einmal.Friedrich Merz entscheidet sich für die bewährte Politikerlösung. Er erklärt den Anwesenden erst einmal die Anwesenden. Quasi wo der Barthel den Most holt.
„Ich spreche mit denen, die arbeiten“, sagt der Kanzler.
Damit wäre das geklärt. Wer hupt, arbeitet nicht. Wer pfeift, hilft nicht. Und wer dem Kanzler widerspricht, fällt offenbar aus der Kategorie Gemeinwesen.
Ein Satz von bemerkenswerter historischer Präzision. Da stehen Menschen, die gerade geholfen haben, einen Waldbrand einzudämmen. Landwirte, die mit eigener Technik angerückt sind, statt zunächst die Zuständigkeit des Bundes zu prüfen. Leute, die ihre Freizeit geopfert haben, ohne vorher einen Förderbescheid auszufüllen.
Und dann kommt ein Bundeskanzler und erklärt ihnen, dass er lieber mit den Arbeitenden spricht. Man muss diese neue Definition von Arbeit anerkennen. Arbeiten bedeutet offenbar nicht mehr unbedingt, etwas zu tun. Arbeiten bedeutet zunächst, in der richtigen politischen Kategorie zu stehen. Körperliche Arbeit ist schön. Politische Geräuschlosigkeit offenbar schöner. Das ist praktisch. Und vor allem verwaltungfreundlich.
Der Bürger wird künftig nicht mehr danach beurteilt, ob er gearbeitet hat, sondern ob seine Arbeitsleistung von der Bundesregierung als hinreichend systemkonform anerkannt wurde. Dafür könnte das Wirtschaftsministerium ein neues Formular entwickeln: Antrag auf Anerkennung als arbeitender Leistungsträger, Anlage A bis F, Nachweis über politische Unauffälligkeit. Widerspruch gegen die Einstufung „nicht arbeitend“ ist binnen eines Monats möglich. Hupen wahrt die Frist nicht.
Er ist kein Bürger mehr. Er ist ein akustisches Problem. Ein Störgeräusch im Kanzlerohr.
Die Republik lernt also gerade etwas Neues über soziale Wertschätzung: Wer malocht und schweigt, ist Leistungsträger. Wer generell schweigt, ist Leistungsträger. Wer malocht und anschließend fragt, was eigentlich mit diesem Land passiert, wird zum Störgeräusch hochgestuft. Wer nicht Malocht und den Kanzler lobt ist wiederum leistungsträger. Da fallen dann auch 551 kritische Fragen zur Finanzierung von NGOs die sich aus Oppoitionsperspektive ergeben haben unter dem Tisch. Seit der Regierungsübernahme ist der Wissensdurst merklich zurückgegangen. Auch Fragen haben offenbar Arbeitszeiten.
Prioritäten eben.
Dabei predigt der Kanzler seit Monaten, Deutschland müsse wieder mehr arbeiten.
Mehr arbeiten. Länger arbeiten. Mehr Vollzeit. Weniger Vier-Tage-Woche. Mehr Anstrengung.
Mehr Leistungsbereitschaft. Der Außenkanzler fordert von der heimischen Bevölkerung mehr Arbeit und kümmert sich derweil um die internationale Variante derselben Philosophie: Während Deutschland mehr arbeiten soll, hat Wadephul hat für den Mehrertrag offenbar bereits Verwendung gefunden. Unterstützung für die Verteidigung der europische Werte. Wer meint das es in das korrupte ukrainische Regime mit Bandera Hintergrund, den Bau goldener Toiletten, Luxusvillen und anderen Annehmlichkeiten fliest ist Putin. Oder AFD. Oder beides.
Dazu reist Johann Wadephul in die Ukraine, während dort gerade wieder Korruptionsermittlungen bis in das Umfeld der Präsidialverwaltung reichen, und verspricht weitere Unterstützung. Die Antikorruptionsermittler suchen. Wadephul bringt Nachschub. Moderne Arbeitsteilung.
Deutschland soll länger arbeiten. Für den zusätzlichen Ertrag findet sich internationale Verwendung.
Eine bemerkenswert effiziente Form der volkswirtschaftlichen Gymnastik. Der deutsche Bürger darf dafür länger arbeiten. Er bekommt dadurch die einmalige Möglichkeit, seinen persönlichen Beitrag zur internationalen Solidarität noch etwas umfangreicher zu erwirtschaften. Besonders eifrige Arbeiter erhalten mündliches Kanzlerlob. Wie früher ein Bienchen ins Hausaufgabenheft. Nur ohne Hausaufgabenheft. Das wurde vermutlich wegdigitalisiert.
Das nennt man Außenpolitik. Oder, wie der zuständige Moralexporteur Wadephul vermutlich sagen würde: strategische Verantwortung.
Während Antikorruptionsermittler inzwischen bis ins Umfeld des ukrainischen Präsidenten vordringen, wird in Deutschland nicht kleinlich gefragt, ob irgendwo vielleicht Geld versickert. Sondern wer arbeitet.
Kleinliche Fragen sind schließlich unsolidarisch, und der der Griff in die Staatskasse zur unterstützung eines korruptionsgeplagten Staatsapparates europäische Wertegemeinschaft.
Zurück zum Hürtgenwald.
Dort erklärt der Kanzler den Menschen den Klimawandel. Praktisch, denn da hat es gerade gebrannt. Die konkrete Brandursache ist noch nicht abschließend geklärt. Die politische Deutungsursache schon: „Das ist Klimawandel. Brandursache offen. Erzählung geschlossen.
Wald brennt? – Klimawandel. Bürger protestieren? – Populismus. Landwirte helfen?- Leistungsträger. Sofern sie dem Kanzler huldigen und nur zustimmend hupen.
Es ist diese wunderbare Fähigkeit moderner Politik, aus jedem tatsächlichen Ereignis genau diejenige Ursache herauszufiltern, die gerade in die Präsentation passt.
Der Wald brennt und der Kanzler bekommt eine Bühne. Die Menschen sind wütend und bekommen vom Kanzler eine Lektion in Arbeitsmoral.
Die Ukraine braucht Geld und der deutsche Außenminister bekommt eine Gelegenheit, noch mehr davon zu versprechen.
Das Land arbeitet. Berlin verwaltet. Dazwischen findet der Kanzler noch Zeit für herzliche Parteipflege. Mario Voigt wird wiedergewählt, Merz gratuliert. Auch das ist Arbeit.
Voigt ist der Thüringer CDU-Chef, dessen Doktorgrad ihm von der TU Chemnitz aberkannt wurde. Gegen die Entscheidung geht er vor. Buh-rufende nennen so etwas gelegentlich Betrüger, oder etwas eleganter Plagiator. Politisch ist das offenbar kein Problem. Man kann sich schließlich nicht von jedem verschwundenen akademischen Titel die Karriere verderben lassen. Der Doktorgrad ist weg, die politische Karriere nicht. Wissenschaft kann da erstaunlich kleinlich sein. Die CDU ist flexibler. Doktorgrad nicht mehr vorhanden, politische Verwendbarkeit weiterhin gegeben.
Der Bürger bekommt derweil erklärt, dass er mehr arbeiten müsse.
Man muss diese Regierung bewundern.
Nicht wegen ihrer Ergebnisse. Das wäre übertrieben. Sondern wegen ihrer Fähigkeit, aus jeder politischen Fehlleistung eine neue Erfolgsgeschichte zu machen.
Die Bürger dürfen derweil weiterarbeiten. Irgendjemand muss schließlich bezahlen. Und löschen. Und aufräumen.
Willkommen im Deutschland des Jahres 2026 N.d.KkU (Nach dem Kanzlerurlaub)
Der Wald brennt. Die Regierung fliegt ein. Die Menschen arbeiten. Und vom Hubschrauber aus wird ihnen erklärt, wie das geht. Dann steigt der Kanzler wieder ein und fliegt davon.

