Werner, die Drohnen kommen

Drohnenfund auf dem Leipziger Flughafen

Es gibt Nachrichten, bei denen man sich fragt, ob irgendwo zwischen Presseagentur und Redaktion heimlich ein Loriot-Drehbuch eingeschoben wurde.

Diese hier gehört dazu.

Eine mit Sprengstoff bestückte Drohne taucht am Flughafen Leipzig/Halle neben ukrainischen Transportmaschinen auf. Abgeschossen wird sie nicht von Radar, Drohnenabwehr oder einem hochgerüsteten Sicherheitsapparat, sondern vom Busfahrer einer Flughafenrundfahrt. Der soll die in Bodennähe schwebende Drohne per Fußtritt zu Boden befördert haben. Chuck Norris hätte es nicht besser gekonnt.

Andere Länder haben Abwehrsysteme oder Abfangdrohnen. Deutschland hat Busfahrer.

Während die Bundesanwaltschaft noch ermittelt, ist die politische Lageeinschätzung schon ein gutes Stück weiter. Roderich Kiesewetter und Marie-Agnes Strack-Zimmermann reden aufgeregt bereits von Russland, Hybridkrieg und NATO-Artikel 4, sobald irgendwo ein Mikrofon auftaucht.

Scheinbar vergessen wird dabei nur eines: Der Orden für den Busfahrer.

Hollywood in Leipzig

In „Alarmstufe Rot“ vereitelt ein Koch die Pläne der Übeltäter. Deutschland hat Busfahrer.

DIe Drohne am Flughafen Leipzig/Halle soll laut Medienberichten dort bereits Stunden vor ihrer Entdeckung auf Videoaufnahmen zu sehen gewesen sein.

Offenbar hat sie auf den Bus gewartet.

Und zwar nicht an einer Bushaltestelle, sondern in unmittelbarer Nähe ukrainischer Antonow-Transportmaschinen. Also genau dort, wo ein sicherheitspolitisch sensibles Fluggerät vielleicht nicht unbedingt unbemerkt herumliegen oder herumschweben sollte.

Wer stoppt sie?

Radar? Elektronische Drohnenerkennung? Bundespolizei? Militärischer Objektschutz? Ein satellitengestütztes Frühwarnsystem?

Nein. Ein Bus. Genauer: sein Fahrer.

Nach Medienberichten soll er die Drohne entdeckt und – je nach Darstellung – mit einem Fußtritt zu Boden gebracht oder jedenfalls am Boden aufgefunden und bewegt haben.

Deutschland 2026.

Milliarden für Verteidigung. Sondervermögen. Drohnenprogramme. Cyberabwehr. Nachrichtendienste.

Aber wenn es um die Wurst geht, steigt der Fahrer aus dem Bus. Glück für das Finanzministerium. Man muss die Geschichte nur konsequent zu Ende denken. Warum Milliarden für Drohnenabwehr ausgeben? Der Mann benötigt offensichtlich weder Zielerfassung noch Feuerleitsystem.

Er braucht einen Sicherheitsschuh.

Jahrelang wurden Raketen entwickelt, Satelliten gestartet, Geheimdienste aufgebaut und hybride Operationspläne perfektioniert. Und dann kommt Leipzig. Niemand hatte mit der ultimativen deutschen Gegenmaßnahme gerechnet: Flughafenbus plus Sicherheitsschuh.

Patriot und Drohnenabwehr waren gestern

Das neue deutsche Luftverteidigungssystem könnte ausgesprochen kostengünstig werden. Die Bundeswehr könnte statt teurer Drohnenabwehrsysteme künftig ein paar Busse beschaffen.Vielleicht mit Anhängerkupplung. Für größere Drohnen.

Das hätte außerdem den Vorteil, dass die Technik bereits erprobt ist. Bus fährt. Fahrer steigt aus. Fahrer tritt. Ziel neutralisiert. Beschaffungszeit vermutlich deutlich unter zehn Jahren. Auch als Elektrobus für ökologische Kriegsführung lieferbar.

Die Ermittler ermitteln noch – die Politik kennt den Täter: Moskau

Etwas schwieriger wird die Sache bei den Beweisen.

Die Bundesanwaltschaft ermittelt. Herkunft unbekannt.Startort unbekannt.Steuerung unbekannt. Auftraggeber unbekannt. Eine öffentlich nachgewiesene russische Spur ist bislang nicht bekannt.

Zum Glück gibt es Politiker. Roderich Kiesewetter spricht vom „Austesten aus Russland“ und brachte NATO-Konsultationen nach Artikel 4 ins Gespräch. Marie-Agnes Strack-Zimmermann sieht Deutschland im „Fadenkreuz der russischen Aggression“. Die Ermittlungsbehörden vergeuden derweil Zeit mit Spurensicherung, Elektronik und solchen Kleinigkeiten. Politiker sind da schneller.

Die Bundesanwaltschaft braucht möglicherweise Wochen oder Monate, um Flugsteuerung, Elektronik, Sprengstoff, SIM-Karten, Herkunft der Bauteile und mögliche Kommunikationsdaten auszuwerten.

Kiesewetter und Strack-Zimmermann brauchen ein Mikrofon.

Effizienz hat viele Formen. Damit ergibt sich eine geradezu elegante staatliche Arbeitsteilung.Der Busfahrer findet die Drohne. Kiesewetter und Strack-Zimmermann finden den Täter. Die Bundesanwaltschaft darf anschließend noch die Details ergänzen.

Warum kompliziert, wenn Deutschland auch einfach kann? NATO-Artikel 4 lässt sich schließlich schon einmal vorsorglich aus dem Schrank holen. Vielleicht passt er. Und wenn nicht, legt man ihn eben wieder zurück.

Vier Stunden auf den Bus gewartet

Richtig hübsch wird die Geschichte durch Berichte, wonach das Fluggerät möglicherweise bereits Stunden vor seinem Fund auf Videoaufnahmen zu erkennen gewesen sein soll.

Offenbar hat es auf den Bus gewartet.Was geschah in diesen Stunden? Flog sie? Stand die Drohne irgendwo? Landete sie? Wurde sie erneut gestartet? War sie bereits früher aufgefallen?Wurde sie nicht erkannt? Ist sie aus dem ukrainischen Flugzeug gefallen?

Oder zeigen die Aufnahmen möglicherweise ein anderes Fluggerät?

Man weiß es nicht. Aber offenbar weiß man bereits, dass Russland dahintersteckt. Der reale Aufenthaltsort der Drohne bleibt offen. Der geopolitische Aufenthaltsort des Täters dagegen ist politisch schon geklärt.

Selbst die Satire ist überfordert

Die bisher bekannte Version ist bereits so grotesk, dass Verschwörungstheoretiker und Satiriker vor demselben Problem stehen:

Wie soll man eine Geschichte noch absurder machen, in der ein Busfahrer eine Sprengstoffdrohne vom Himmel tritt und anschließend ein CDU-Politiker hysterisch über NATO-Artikel 4 redet?

Da stößt selbst Fantasie an Grenzen. Man braucht gar keine geheime Inszenierung, keinen dunklen Masterplan und keinen verborgenen Drahtzieher im Kanzleramt. Die Geschichte reicht völlig aus.

Vom Familienflughafen zum Frontabschnitt

Leipzig/Halle verkauft sich gern als Familienflughafen,Wirtschaftsstandort, Logistikdrehscheibe und Flughafen für die Region.

Klingt auch hübscher als strategischer Umschlagplatz in einem europäischen Krieg. Dass der Familienflughafen Leipzig-Halle ein militärischer Stützpunkt im Ukrainekrieg ist, kam allerdings nicht so gut an und wurde aus den Schlagzeilen gelöscht. Erinnert bisschen an die „neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse” der Coronakrise. Nun wird klar, dass das weitgehend grösste Flugzeug der Welt ausschließlich mit Baby-Nahrung, Kinderbekleidung und Hygieneartikel beladen war. Nicht das die Familienidylle Kratzer bekommt.

Der Airport mit Besucherterrasse und Flughafenrundfahrt steht trotzdem plötzlich mitten in einem sicherheitspolitischen Kontext. Und ausgerechnet eine dieser Rundfahrten könnte dann geholfen haben, die mutmaßliche Sprengstoffdrohne zu entdecken.

Das Marketing ließe sich eigentlich nur leicht anpassen:

Flughafen Leipzig/Halle – Abenteuer für die ganze Familie. Mit etwas Glück sehen Sie eine Antonow. Mit sehr viel Glück eine feindliche Drohne. Bitte nicht anfassen. Oder treten. Sonst folgt eventuell ein Freiflug.

Bankrotterklärung mit Happy End

Falls tatsächlich ein ausländischer Akteur eine mit Sprengstoff bestückte Drohne in einen sicherheitsrelevanten Bereich eines deutschen Großflughafens gebracht hat, wird die Geschichte dadurch nicht beruhigender.

Dann wird sie schlimmer. Denn die entscheidende Gegenmaßnahme wäre offenbar ein zufällig anwesender Mitarbeiter gewesen. Das wäre keine Erfolgsgeschichte deutscher Sicherheitspolitik. Das wäre eine Bankrotterklärung mit Happy End.

Deutschlands neue Sicherheitsdoktrin

Vielleicht sollte man den Fall deshalb gar nicht als Versagen betrachten. Vielleicht erleben wir gerade die Geburt eines völlig neuen Verteidigungskonzepts. Weg von komplizierter Technik. Hin zum Menschen. Resilienz. Eigeninitiative. Bürgernahe Luftabwehr. „Gesamtgesellschaftliche Verteidigung“ heißt das neuerdings wohl..

Oder die Täter haben einfach nicht mit dem deutschen Personennahverkehr gerechnet.

Update: Die Russen sinds gewesen

sagt jedenfalls der US Geheimdienst. So zitiert der US-Nachrichtensender CNN einen US-Verteidigungsbeamten in Europa mit der Aussage, die USA seien zu dem Schluss gekommen, dass die Drohne von einem russischen Geheimdienst sei.

Und was der US-Geheimdienst sagt stimmt. Immer. Schließlich hat der schon damals die biologischen Kampfstoff-Laborwagen im Irak mit absoluter Präzision herbeigewünscht.

Bestätigt wird diese Analyse von der Krankenschwester Nayirah, die unter Tränen bezeugte wie irakische Soldaten Babys aus Brutkästen rissen. Heute bestätigt sie das finstere Kreml Büttel die Drohne in Leipzig starteten. Auch die restliche Riege der Sicherheits-Experten nickt im kollektiven Delirium zustimmend.

Moskau muss allerdings keine Bedenken haben, demnächst mit „westlicher Demokratie“ bombardiert zu werden. Der Kreml ist wie Nordkorea A-versichert. Stattdessen wird das Problem kostengünstig ausgelagert. Der Kiewer Filialleiter darf als Stellvertreter ein paar Sprengstoffdrohnen nach Moskau schicken, um das Ganze wie einen fairen Kampf aussehen zu lassen.

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