Wie sechs Tiger in spanischer Quarantäne zur europäischen Erfolgsgeschichte werden
Dölzig. Die Tiger sind weg.
Der Amtsschimmel hat geliefert. Die behördliche Sollzahl ist passend zum amtlichen Flächenberechnungsorakel hergestellt. Große Freude bei den Akteuren. Das Landratsamt hat seinen rechnerischen Sollbestand hergestellt. AAP hat sechs neue Rettungsgeschichten. Die Landes- und Bundestierschutzbeauftragten liefern den passenden politischen Begleittext.
Nur bei den Tigern scheint die Erfolgsmeldung noch nicht vollständig angekommen zu sein.
Tierschutz nach der Police-Academy-Tackleberry-Methode: Die Katze soll vom Baum. Also wird geschossen. In Dölzig immerhin nur mit Narkosepfeilen.
Zurück in die Zukunft – Tiger Edition
Nicht im DeLorean, sondern im Kleintransporter mit Anhänger, tagelang im Hochsommer über Europas Autobahnen. Einzeln verpackt in engen Kisten, mit gelegentlicher Wasserzuteilung und veterinärmedizinisch begründetem Nulldiätprogramm.
Futter gab es also tagelang vorsorglich keines. Gerettet wird auf nüchternen Magen.
Vor dem Abtransport beschreibt ihre langjährige Tierärztin Dr. med. vet. Kerstin Alexandra Dörnath die Tiger als gesund, ausgeglichen, gut bemuskelt und hervorragend gepflegt. Fünf Wochen später sieht Dr. Dörnath auf den von AAP veröffentlichten Bildern eine deutlich schmaler gewordene, struppige und nach ihrer Einschätzung schwer belastete Tigerin Saphira.
Die Tiere befinden sich zu diesem Zeitpunkt noch in der Quarantäne von AAP Primadomus. AAP nennt das Eingewöhnung.
Man kann auch sagen: Die Rettung beginnt erste Gebrauchsspuren zu zeigen.
Vom amtlichen Überbestand zum europäischen Rettungsprodukt
Am 1. Juli werden Tiger Saphira und fünf Jungtiere aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen und abtransportiert.
Für die Behörden handelt es sich um eine Fortnahme. Für AAP, Teile der Politik und die Tierschutzbeauftragten von Land und Bund um eine Rettung.
Für die Tiere vermutlich um einen angsterfüllten, traumatischen Mittwoch. Für Carmen Zander um eine Katastrophe.
Die Tiger werden narkotisiert, in Kisten verpackt, verladen und quer durch Europa nach Spanien gefahren. Dort beginnt laut AAP ihre „Genesung“. Wovon genau sie genesen sollen, bleibt unklar.
Von ihrem guten Ernährungszustand? Von der sehr guten Bemuskelung? Von ihrem glänzenden Fell? Von einer Haltung, in der sie nach Angaben ihrer betreuenden Tierärztin keine Verhaltensstörungen zeigten, miteinander spielten und Kontaktliegen praktizierten?
Vielleicht handelt es sich um eine neue Form der Präventivmedizin. Der Patient ist gesund. Also muss er vorsorglich gerettet werden.
Nach einigen Wochen Quarantäne in der Auffangstation sieht er dann vielleicht so aus, als hätte die Rettung einen Anlass gehabt.
AAP kommuniziert das vorbildlich. Aus einer behördlich angeordneten Entfernung wegen Flächenvorgaben wird eine Befreiung aus „alten, engen Anhängern“. Aus gesunden Tigern werden Tiere, die eine zweite Chance bekommen. Aus einer umstrittenen Beschlagnahmung wird eine sorgfältig vorbereitete Rettungsmission. Natürlich folgt zeitnah der passende Spendenaufruf.
Problem, Erlösung und Spendenkommunikation passen in eine Pressemitteilung.
So einfach kann Tierschutz sein, wenn man die Vorgeschichte beim Amt abgibt.
Wochenlang geheim vorbereitet
AAP spricht selbst von „weeks of secret preparation“. Wochen geheimer Vorbereitung. Das klingt größer als Transportplanung. Fast wie Operation Tiger Freedom.
Während Gerichte noch nicht abschließend geklärt haben, ob die Maßnahme rechtmäßig ist, laufen offenbar längst die Vorbereitungen für den europäischen Abtransport. Narkosegewehre werden geladen, Fahrzeuge organisiert, Boxen bereitgestellt, Personal geplant und Unterbringungsmöglichkeiten geschaffen. Wahrscheinlich müssen auch Pressetexte und Spendenaufrufe vorbereitet werden.
Am 1. Juli fahren die Tiger los. Kurz darauf ist die Geschichte fertig. Und der Spendenaufruf.
Die Tiere seien gerettet. Sie seien sicher. Nun beginne ihre Erholung. Die private Haltung von Wildtieren sei ein großes Problem. Strengere Regeln müssten her. Der Einzelfall wird noch verladen, da steht seine politische Bedeutung bereits fest.
Bemerkenswert ist daran nicht, dass ein Transport von sechs Tigern vorbereitet werden muss. Fachleute halten eine langfristige Transportvorbereitung für erforderlich. Aber was sind Fachleute gegen Tierretter mit Narkosegewehren? Frei nach Mao: Tierschutz kommt aus dem Lauf eines Betäubungsgewehrs. Zumindest beim Landratsamt Nordsachen und AAP.
Bemerkenswert ist, wie schnell aus der Beteiligung einer privaten Organisation an einer umstrittenen Behördenmaßnahme eine moralisch abgeschlossene Erzählung wird. AAP wartet nicht auf Gerichte. AAP hat schon eine Caption.
In Sicherheit. Vorläufig in Quarantäne
Der Transport nach Spanien hat einen weiteren Vorteil. Die Tiger sind weit weg. Sehr weit.
Sollte ein deutsches Gericht später zum Ergebnis kommen, dass Behörden Fehler machen, befinden sich die Tiere nicht mehr in Dölzig und nicht einmal mehr in Deutschland. Praktisch.
Nach dem derzeit bekannten Stand sitzen Saphira und ihre fünf Jungtiere weiterhin in der Quarantänestation von AAP Primadomus. Sie wurden bislang nicht weitergegeben. Rechtsschutz bleibt selbstverständlich möglich. Die Tiere müssen sich nur ein wenig gedulden. In Spanien.
Ob die Tiere jemals zurückgeholt werden könnten, ist eine andere Frage. Entfernung schafft Tatsachen. Nicht unbedingt rechtliche, aber sehr praktische. Das Gericht kann irgendwann entscheiden. Die Tiger sitzen schon mal woanders.
Saphira ist jetzt offiziell glücklich
AAP veröffentlicht Fotos und Videos. Die Tiger würden sich immer besser einleben. Sie spielen, ruhen und gewöhnen sich an die neue Umgebung. Alles gehe seinen vorgesehenen Gang. Die bisherige Tierärztin der Tiere, Dr. Kerstin Alexandra Dörnath, sieht dasselbe Material und erkennt insbesondere Saphira kaum wieder. Nach ihrer Einschätzung ist Saphiras Fell struppig und verschmutzt. Die Tigerin sei deutlich schmaler geworden, ihre Wirbel träten hervor, sie hechele trotz geringer Aktivität und mache insgesamt einen erheblich schlechteren Eindruck als vor dem Transport.
Dr. Dörnath sieht bei Saphira eine erhebliche Verschlechterung. AAP sieht Eingewöhnung. So funktioniert moderner Tierschutz: Muskelabbau, Apathie und Depressionen werden so lange weichgezeichnet, bis sie wie ein idyllischer Urlaub wirken.
Der wirkliche Zustand könnte durch objektive Daten leicht geklärt werden. Eingangsgewicht und aktuelles Gewicht, Body-Condition-Score, Muskelzustand, Futteraufnahme, Blutwerte, Tierärztliche Befunde. Temperaturen in den Quarantänebereichen, Dokumentation möglicher Verletzungen.
Das wäre allerdings weniger gefühlvoll und vermutlich weniger förderlich für die Spendenbereitschaft als ein Video mit ruhiger Musik und dem Hinweis, die Tiere seien nun endlich sicher. Rettungskommunikation liebt Tiere vor allem weil sie selbst nicht sprechen können.
Dann kann man ihnen nahezu jede Gefühlslage unterschieben. Erleichterung, Dankbarkeit, Ankommen, Heilung.
Gesundheitsdaten wie Gewichtsprotokolle sind bei dieser Form der Tierkommunikation auffällig unromantisch und stören die Idyille. Und eventuell den Spendenfluss.
Von den über die Rettung jubelnden Politikern, den Landes- und Bundestierschutzbeauftragten oder gar vom Landratsamt Nordsachsen hört man dazu:
Nichts.
Auch viele Medien, die bis zum Abtransport rege berichteten, scheinen sich für nachprüfbare Verlaufsdaten weniger zu interessieren. Man möchte die Tierretter offenbar nicht durch Fragen bei der Eingewöhnung stören.
Quarantäne, ein anderes Wort für Beton
Natürlich befinden sich die Tiere zunächst in Quarantäne. Das ist veterinärmedizinisch nachvollziehbar. Neu aufgenommene Tiere müssen untersucht, beobachtet und vom übrigen Bestand getrennt werden.
Quarantäne ist aber kein tierschutzfreier Raum. Auch dort brauchen Großkatzen geeignete Böden, Rückzugsmöglichkeiten, Wasser, Beschäftigung und eine Umgebung, in der sie sich nicht bei jedem Schritt zwischen Ausrutschen und Hitzschlag entscheiden müssen. Auf den kritisierten Bildern sind harte, sterile Flächen zu sehen. Große Wasserbecken, Naturboden, Kletterstrukturen oder umfangreiche Beschäftigungsmöglichkeiten sind jedenfalls nicht erkennbar.
Das bedeutet nicht zwingend, dass es sie überhaupt nicht gibt. Vielleicht befinden sie sich außerhalb des Bildes. Vielleicht hinter einer Tür. Vielleicht in der nächsten Pressemitteilung.
AAP wirbt zugleich mit einem späteren, rund 3.000 Quadratmeter großen Außengehege. Naturboden, Schatten, Wasser, Strukturen.
Ein Tigerparadies. Nur leben die Tiere offenbar zunächst nicht dort.
Wer die Quarantäne kritisiert, bekommt deshalb gedanklich schon das spätere Außengehege gezeigt. Das ist ungefähr so, als beantworte man Beschwerden über eine kahle Gefängniszelle mit dem Hinweis, das Gebäude befinde sich in schöner Lage mit einem Park vor der Tür.
Spannend ist auch die Frage nach der Größe der Quarantänebereiche. Wie viele Quadratmeter den Tigern während der wochenlangen Quarantäne tatsächlich zur Verfügung stehen, wird behandelt, als wäre es ein Betriebsgeheimnis. Das Tigerparadies wird vermessen. Der Beton davor offenbar nicht. Was sagt das Säugetiergutachten? Was das Landratsamt Nordsachsen? Was der Zollstock?
Eine Antwort über die Größe könnte die Zuschauer möglicherweise beunruhigen.Und die Spender. Daher schweigt sich AAP vorsorglich darüber aus, räumt aber ein, dass die Quarantäne „ziemlich langweilig“ sei und die Tiere in einem „eher kahlen Raum“ blieben.
Begründet wird das damit, dass Bodenmaterial, Holzschnitzel und andere Ausstattung bei einem Parasitenbefall schwer vollständig zu reinigen seien. Verständlich. AAP ist vermutlich gerade dermaßen mit Rettungsorganisation, Lobbyarbeit und Spendenaufrufen beschäftigt, dass bei zusätzlichem Reinigungsaufwand durch Einstreu der Burn-out droht.
Gerettet werden ist eben nichts für Weicheier. Dafür haben die Tiger laut AAP Enrichment und Fenster mit Blick nach draußen. Luxuriös.
Beim Betrachten der von AAP veröffentlichten Bilder drängt sich allerdings der Eindruck auf, Enrichment sei bei AAP gelegentlich ein englisches Synonym für alte Pappkartons. Kreativ.
Landratsamt, Politik, Landes- und Bundestierschutzbeauftragte? Schweigen.
Und die Medien? Fragen nicht
Die Tiger sollten genesen. Saphira sieht schlechter aus.
Besonders bemerkenswert ist der Begriff „Genesung“. Genesung setzt üblicherweise voraus, dass zuvor eine Erkrankung, Verletzung oder wenigstens ein behandlungsbedürftiger Zustand festgestellt wurde.
Welche konkreten Erkrankungen lagen bei Saphira und den fünf Jungtieren vor? Welche Mangelzustände?Welche Verhaltensstörungen? Welche Schmerzen? Welche Schäden?
AAP kündigte Untersuchungen an. Konkrete schwerwiegende Eingangsbefunde wurden bislang öffentlich nicht in derselben Lautstärke verbreitet wie die Rettung. Vielleicht waren die Tiger medizinisch gesund, aber politisch krank.
Diagnose: private Wildtierhaltung. Therapie: Spanien. Prognose: spendentauglich.
Sollten sich die von Dr. Dörnath beschriebenen Veränderungen bestätigen, entstünde eine geradezu unangenehme Frage: Was, wenn die Tiere nicht aus einem schlechten Zustand gerettet wurden, sondern erst durch Narkose, Transport, Trennung und Quarantäne sichtbar belastet wurden?
Dann wäre die schöne Geschichte beschädigt.
Dann hätte man gesunde Tiere nicht vor Leid bewahrt, sondern sie unter erheblichem Stress in eine Einrichtung gebracht, die anschließend ihre eigene Maßnahme als Heilung vermarktet.
Aber keine Sorge. AAP besitzt eine Kommunikationsabteilung. Die wird sie schon eingewöhnen.
Zumindest kommunikativ.
Schrödingers Raubtierrettung
Angewandte Quantenmechanik im Dienst der Tierrettung. Sensationell. Den Tigern gehts prächtig. Solange niemand nachsieht, nach Gewicht, Befunden oder Haltungsprotokollen fragt, existieren die Tiere in einer bürokratischen Superposition: Sie sind gleichzeitig kerngesund, erfolgreich therapiert und final gerettet.
Landratsamt, Politik und Tierschutzbeauftragte sind zufrieden. Man feiert das Happy End. Die Realität in der Kiste – ersatzweise Quarantäne – ist für die Öffentlichkeit nicht zugelassen.
Das System funktioniert perfekt. Solange keiner nachfragt. Wer nicht fragt, muss schließlich nicht berichten, dass die Rettung fragwürdig ist.
Und die Medien? Fragen nicht

