Wird die CDU zur Satirepartei?

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Um dem eigenen Popularitätsverlust entgegenzuwirken, will die CDU offenbar keine Partei mehr sein, sondern staatlich anerkannte Realsatire mit angeschlossener Personalverwaltung.

Die politische Fernschulung beim ukrainischen Berufskomiker war für ndie deutschen Steuerzahler kostspielig. Aber jetzt beherrscht auch die CDU Staatsführung als Bühnenformat. Sie bespielt die Bundesrepublik inzwischen als wanderndes Provinztheater. Im Norden tritt der Hering auf, in Sachsen-Anhalt wird die Regierungswut ohne verfügbare Filmzeit verwaltet, und in Berlin werden Ministerien wie liegen gebliebene Jacken nach einer Vereinsfeier verteilt.

Der Kanzler erklärt Organisationsversagen zu Pech. Der Gesundheitsminister beginnt sich nach seiner Ernennung, mit Gesundheit zu beschäftigen. Der künftige Fraktionschef flieht vor den Akten.

Und in Sachsen erkennt Michael Kretschmer regelmäßig die Zeichen der Zeit, ohne sie durch Handlungen zu verschrecken. Seine mutigen Reden hält er in sorgfältig vermessener Entfernung zur Tat.

Wer diesen Vorgang als politischen Zirkus bezeichnet, sollte vorsorglich klarstellen, dass damit keine Tatsachenbehauptung verbunden ist. Und wer behauptet, das Land werde von Clowns regiert, sollte hinzufügen, dass dies keine Herabwürdigung des ehrbaren Clowngewerbes sein soll. Dort werden schließlich ausgebildete Fachkräfte eingesetzt.

Den Bademantel sollte man für alle Fälle trotzdem griffbereit halten.

Der Fisch stinkt vom Kopf

„Der Fisch stinkt vom Kopf“, sagt der Volksmund. Gut, dass die CDU das nun auch auf Großplakaten dokumentiert. So die CDU Mecklenburg-Vorpommern mit einem Fischbrötchen. „Die Mitte ist das Beste“, steht darauf. „Politik in lecker.“

Sie erklärt den Hering zum Gesellschaftsmodell: Der Fisch liegt in der Mitte, die Partei liegt am Boden, und beides riecht nach einigen Tagen etwas streng. Die CDU folgt der gescheiterten SPD offenbar nicht einfach in die Bedeutungslosigkeit, sondern mit einem maritimen Themenabend. Es hätte allerdings es richtig heißen müssen:

„Wir machen das Fischbrötchen wieder zwei Euro.“

Das wäre wenigstens ein politisches Versprechen gewesen.

Wut ohne Filmzeit

In Sachsen-Anhalt erklärt Ministerpräsident Sven Schulze derweil: „Ich bin auch wütend. Ich habe nur keine Zeit, zu filmen.“

Das ist beruhigend. Der Ministerpräsident ist also über die Regierungspolitik genauso wütend wie die Bürger, allerdings hauptberuflich. Ohne Zeit zum filmen.

Regieren bedeutet in der neuen CDU offenbar, gemeinsam mit der Bevölkerung vor den Ergebnissen der eigenen Politik zu stehen und betroffen festzustellen, dass hier dringend jemand etwas unternehmen müsste. Schulze hat keine Zeit, seine Wut zu filmen. Für die Herstellung und Veröffentlichung der Mitteilung über seine fehlende Filmzeit hat es immerhin noch gereicht.

Das Ministerium als Überraschungsei

In Berlin wird unterdesen geprüft, ob Ministerien überhaupt noch etwas mit Fachkenntnis zu tun haben müssen. Heute Kanzleramt, morgen Fraktionsvorsitz. Heute Gesundheit, morgen Kanzleramt. Der Volkswirt aus dem Bankwesen übernimmt die Gesundheit. Ein Finanzpolitiker soll Verkehr machen, sagt nachts wieder ab, und der bereits verabschiedete Verkehrsminister bleibt vorsichtshalber im Amt.

Der künftige Fraktionschef nennt das „Pech“ und freut sich, künftig weniger Akten lesen zu müssen. Klar. Akten im Kanzleramt. Damit konnte niemand rechnen.

Kompetenz und Fachkenntnis werden bei der Postenvergabe ohnehin überbewertet. Wir sollten das Prinzip deshalb allgemein übernehmen.

Der Gynäkologe operiert künftig das Gehirn. Der Orthopäde führt die Wurzelbehandlung durch. Den Deutschlehrer bestellen wir als Hausarzt. Und wenn niemand zuständig ist, nimmt man einen Rechtsanwalt. Die können bekanntlich alles, insbesondere hinterher erklären, weshalb es so kommen musste.

Sie möchten sich diesem Modell nicht anvertrauen?

Dann sind Sie offenbar noch nicht auf der Höhe moderner Personalpolitik. Im politischen Spitzenbetrieb haben wir diese altmodische Fachlogik als diskriminierende Zugangshürde längst hinter uns gelassen. Dort reicht es, dass der Parteivorsitzende noch eine Person und das Organigramm noch ein freies Kästchen hat. In der Regierung geht es doch prima.

Carsten Linnemann ist Volkswirt und arbeitete unter anderem bei Deutsche Bank Research und der IKB. Nun soll er Gesundheitsminister werden.Noch 2025 erklärte er selbst, dass er in diesem Amt wahrscheinlich nicht erfolgreich wäre. Die Menschen würden sich zu Recht fragen, was er damit zu tun habe. Ein Jahr später ist er offenbar qualifiziert.

Warum also nicht den Hausmeister in die Notaufnahme versetzen, wenn dort Ärztemangel herrscht?Linnemann brauche nur „ein bisschen Zeit“, um „hier und da noch tiefer einzusteigen“. Das sollte man auch dem Hausmeister zugestehen. Ein bisschen Schwund ist schließlich immer.

Bei Linneman handelt es sich außerdem nicht um einen dringenden Notfall, sondern nur um Krankenhäuser, Pflege, Krankenkassen, Arzneimittel und die medizinische Versorgung eines ganzen Landes. Da kann man sich nach der Ernennung ruhig erst einmal orientieren.

Das Montagsmodell im Kanzleramt

Über allem wacht Friedrich Merz, der Kanzler der zweiten Wahl.

Früher Aufsichtsratsvorsitzender von BlackRock Deutschland, heute Bundeskanzler und lebender Beweis dafür, dass Selbstüberschätzung keinen natürlichen Fressfeind besitzt.

Merz ist, wie sein Kabinett, das Montagsprodukt der deutschen Politik: laut angekündigt, fehleranfällig ausgeliefert und bereits beim Auspacken mit dem Hinweis versehen, dass beworbene Funktionen leider nicht verfügbar sind. Seine Auftritte liefern zuverlässig Ergebnisse zum Kopfschütteln. Man beginnt sich zu fragen, ob Fremdscham inzwischen olympisch ist.

Nun wollte der frühere BlackRock-Aufsichtsratschef Personaldisponent im Regierungshotel spielen und die Zimmer neu verteilen. Leider sagte ein vorgesehener Bewohner ab, nachdem der bisherige Nutzer seinen Auszug bereits verkündet hatte. Der Verkehrsminister war politisch entlassen, durfte aber mangels Ersatz vorerst weiter Verkehrsminister spielen. So etwas nennt man bei der CDU nicht Kontrollverlust oder Inkompetenz.

Man nennt es Pech.

Der Kanzler führt das Land wie einen Kreisligaverein, dessen Vorsitzender am Sonnabend den Torwart zum Linksaußen erklärt, am Sonntag den Platzwart entlässt und am Montag mitteilt, die Mannschaft müsse jetzt geschlossen Verantwortung übernehmen.

Kretschmer und die kontaktlose Politik

Auch Sachsens Landesfürst Michael Kretschmer hält inzwischen entschlossen Satirekurs. Kretschmer erklärte, wer noch über Brandmauern rede, habe „die Zeichen der Zeit nicht erkannt“. Man müsse „mit jedem reden, der reden will“.

Ein starker Satz. Beinahe mutig.

Vor allem kommt er von dem CDU-Politiker, der dafür in Sachsen über ein vollständig eingerichtetes Versuchslabor verfügt. Seine Minderheitsregierung ist schließlich ohnehin darauf angewiesen, mit anderen zu reden. Doch Kretschmer ist kein Mann der überstürzten Umsetzung. Er ist der sächsische Beauftragte für kontaktlose Politik: Forderungen werden ausgesprochen, aber nicht angefasst. Er erkennt die Zeichen der Zeit so zuverlässig wie ein Wetterhahn den Wind: Er dreht sich eindrucksvoll, bewegt aber nichts.

Seit Jahren produziert Kretschmer populäre Sätze. Er fordert, mahnt, warnt und erkennt. Dann betrachtet er sein Werk und wartet darauf, dass sich die Realität aus Respekt selbst korrigiert. Kretschmers Brandmauer ist deshalb ein besonderes sächsisches Bauwerk. In den Medien wird sie abgerissen, im politischen Alltag steht sie pünktlich zum Dienstbeginn wieder am alten Platz. Das Publikum darf kurz klatschen und sein Kreuzchen auf dem Wahlzettel machen.

Danach wird die Forderung archiviert.

Realsatire mit Personalverwaltung

So steht die CDU heute vor ihrem Publikum: mit Hering, Regierungswut, Aktenflucht, fachfremden Ministern und mutigen sächsischen Sätzen ohne erkennbare Vollzugsabsicht. Die Union folgt der SPD nicht einfach in die Bedeutungslosigkeit. Sie folgt ihr in die museale Abteilung für ehemals staatstragende Organisationen.

Dort wird man später das Fischbrötchen ausstellen.

Daneben das Organigramm der Bundesregierung. Weniger Substanz war selten, mehr Realsatire auch nicht.

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